Liebe, Sucht und das Verlangen um Nähe: Warum es so schwerfällt, loszulassen

Es gibt Beziehungen, die sich anziehen und abstossen wie ein Magnet. Eine Achterbahn aus Trennungen, Wiederannäherungen und Konflikten. Viele, die sich in solchen Beziehungen befinden, fragen sich: Warum kann ich nicht loslassen, obwohl ich weiss, dass es mir nicht guttut? Und warum fühlt sich die Vertrautheit, die einst da war, jetzt verloren an?

Psychologische Studien bieten interessante Einblicke, warum an konfliktreichen Beziehungen festgehalten wird. In diesem Beitrag möchte ich näher darauf eingehen.
 
Liebe und das Konzept der Sucht: Was hat das miteinander zu tun?

Dieses Phänomen erklärt: Intermittent Reinforcement (intermittierende Verstärkung). In einer Beziehung, in der es Momente der Freude und des Glücks gibt, die jedoch von Phasen der Unsicherheit oder des Schmerzes durchbrochen werden, kann eine Art psychologische Bindung entstehen, die ähnlich wie bei einer Sucht funktioniert.

Das liegt daran, dass das Gehirn auf Belohnungssysteme reagiert. Wenn positive Momente unvorhersehbar sind – wie bei einem Glücksspielautomaten, der manchmal Gewinne ausschüttet – Es ist dieser Mix aus Hoffnung und Frustration, der fängt.

Das erklärt, das Warum, auch nach wiederholten Enttäuschungen oder Trennungen zurückkehren. Es ist nicht unbedingt die Beziehung, die fesselt, sondern die Hoffnung auf die nächste Phase des Glücks.

Trennungen als Mikrotraumata: Warum Vertrautheit verloren geht

In Beziehungen, die von wiederholten Trennungen geprägt sind, kann die emotionale Verbindung mit der Zeit schwächer werden. Studien zeigen, dass jede Trennung wie ein kleines Trauma wirkt. Sie hinterlässt Spuren, ähnlich wie Knicke in einem Blatt Papier. Selbst nach dem Versuch, die Beziehung zu reparieren, bleibt die Struktur nie ganz dieselbe.

Wiederholte Trennungen erschüttern dieses Fundament; Vertrautheit und Sicherheit gehen verloren. Aus Schutz fängt das Unterbewusstsein an, sich zu distanzieren. Das führt zu emotionalem Rückzug, ohne es bewusst zu wollen.

Trauma-Bonding: Wenn Schmerz und Liebe sich vermischen

Ein weiterer Aspekt, der in solchen Beziehungen eine Rolle spielt, ist das sogenannte Trauma-Bonding. Das passiert, wenn durch gemeinsame schmerzhafte oder intensive Erfahrungen eine enge, Bindung sich entwickelt. Konflikte und Versöhnungen verstärken dieses Gefühl. Das kann paradox wirken: Selbst wenn die Beziehung toxisch ist, entsteht das Gefühl, von Zusammengehörigkeit.

Leider lenkt diese Dynamik von den eigentlichen Problemen ab.

Emotionale Erschöpfung: Wenn das System abschaltet.

Ein weiterer Grund, warum die Vertrautheit verloren gehen kann, ist emotionale Erschöpfung. Wenn eine Beziehung wiederholt Konflikte und Unsicherheiten mit sich bringt, schaltet das Nervensystem irgendwann auf Sparflamme. Es ist eine Art Selbstschutzmechanismus, um vor Überlastung bewahrt zu werden. Das kann zu emotionaler Taubheit führen oder dazu, dass das Gefühl von Intimität und Nähe verloren geht.

Warum ist Loslassen so schwer? 

  1. Hoffnung auf Veränderung: Die Vorstellung, dass es "besser werden könnte", kann stark genug sein, um festzuhalten. 
  2. Gewohnheit: Bindungen, selbst wenn sie ungesund sind, schaffen Routine. Die Idee, diese Routine aufzugeben, kann sich wie ein Verlust von Stabilität anfühlen.
  3. Angst vor Einsamkeit: Das Loslassen bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Diese Vorstellung kann beängstigend sein.
  4. Emotionales Abhängigkeitsgefühl: Manche Menschen empfinden ihre Beziehung als einen integralen Teil ihrer Identität. Das Loslassen wird dann zu einem gefühlten Verlust von Selbst.

 
Wie können Sie sich lösen? 
 

  1. Bedürfnisse reflektieren: Fragen Sie sich: Was brauche ich wirklich in meiner Beziehung? Gibt mir diese Beziehung, was ich brauche, oder klammere ich mich an die Hoffnung, dass es besser wird?
  2. Emotionale Abhängigkeiten lösen: Hinterfragen Sie die Bindung an Ihren Partnerin. Sind Sie in der Beziehung, weil Sie glücklich sind, oder weil Sie Angst vor dem Alleinsein haben?
  3. Klare Grenzen setzen: Beenden Sie die Beziehung konsequent. Reduzieren Sie den Kontakt, um wirklich loszulassen. 
  4. An sich selbst arbeiten: Nutzen Sie die Zeit, um sich auf sich selbst zu konzentrieren. Was macht Sie als Person glücklich, unabhängig von einer Beziehung?
  5. Den Schmerz akzeptieren: Loslassen tut weh, es ist wichtig, den Schmerz zuzulassen. Er ist ein Teil des Heilungsprozesses. 

 
Manchmal ist es nicht möglich, eine Beziehung zu retten. In solchen Fällen ist es wichtig, sich im gegenseitigen Respekt zu trennen. Wenn Sie beide jedoch wirklich zusammenbleiben möchten und bereit sind, an sich und Ihrer Beziehung zu wachsen, dann gibt es eine Chance. Wichtig ist, dass Sie ehrlich miteinander sind – auch über die schwierigen Dinge. Reden Sie über Ihre Gefühle, Ihre Ängste und darüber, was Ihnen fehlt. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, sich gegenseitig zu verstehen und Schritte aufeinander zuzugehen. Vielleicht hilft es, gemeinsam neue Gewohnheiten zu entwickeln. Eine Beziehung kann wachsen, wenn beide es wirklich wollen und bereit sind, etwas dafür zu tun. 

Für weitere Informationen oder zur Vereinbarung eines Termins stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Herzliche Grüsse
Die Sexualtherapeutin 

Karin Utz-Jenni